Herz an Hirn

Texte&Konzepte zu nachhaltigen Themen

Rezension zu „Anständig leben“ von Sarah Schill

Anständig leben kann tatsächlich Spaß machen. Ein komisch-skurriler und ernst gemeinter Selbstversuch.

Esst mehr Tofu, fliegt weniger weg, fabriziert nicht so viel Müll, kauft keine Fummel und fühlt euch wohl dabei! – Was passiert, wenn der Geist willig ist, das Fleisch aber nicht weiß, wo es anfangen soll, greift Sarah Schill unterhaltsam in ihrem Autoren-Debüt auf.

Die bis dato fachfremde Journalistin dokumentiert in ihrem Buch „Anständig leben“ ihren Selbstversuch nachhaltig zu leben. Anlass dazu gab ihr Ergebnis eines Online-Testes, der ihren CO2-Fußabdruck errechnete. Dieser besagt, dass es fast vier Erden bräuchte, wenn die Menschheit auf ihre Art leben würde. Mit dem Ziel weniger Erden „zu verbrauchen“ probiert sie sich auf unterschiedliche Arten darin aus bewusster und reduzierter durchs Leben zu gehen. So ernährt sie sich beispielsweise ausschließlich vegan und verzichtet auf Plastik. Gleich, ob dies Umverpackung von Lebensmitteln oder Salatschüsseln aus synthetischem Material sind. Sie besucht Second-Hand-Läden und stellt fest, dass nicht mehr viel an Kleidung übrig bleibt, als sie ihren Schrank nach nicht fair-produzierten Teilen aussortiert. Darüber hinaus beschäftigt sie sich mit nachhaltigen Geschäftsmodellen wie „Culinary Misfits“, einem Catering-Service, der nicht normgerechtes, „hässliches“ Obst und Gemüse aufkauft, das es sonst nicht in den Supermarkt, sondern nur in den Abfall schaffen würde. Sie lässt sich von dem Klimaschutzprojekt „atmosfair“ ausrechnen, was es kostet durch einen Flug verursachte Emissionen finanziell auszugleichen, um mit den Beträgen Klimaschutz-Aktionen zu unterstützen. Da in Wien das „Containern“ als angesagt gilt und nicht strafrechtlich verfolgt wird, steigt Schill dort in die Mülltonnen der Supermärkte und taucht nach Essen, das weggeworfen wurde, aber noch verwertbar ist. Um ihr eigenes Bewusstsein zu schärfen und der Frage nachzugehen, „ob es ok ist Tiere zu essen?“, ist sie bei einer Schlachtung dabei und begleitet im fränkischen Wald einen Jäger auf einen Dienstgang.

Fazit:

Sarah Schill ist in Ihren Schilderungen nicht belehrend, sondern ausgesprochen menschlich und authentisch. Immer wieder fließen witzige Anekdoten ein, die erzählen, welchen Einfluss ihr Versuch auf ihre junge Familie hat und wie irrritiert ihr Umfeld teilweise darauf reagiert. Die persönliche Entwicklung von „hat keine Ahnung“ zu „kennt sich immer besser aus“ wird von Kapitel zu Kapitel deutlicher und bringt dem Leser das Gefühl näher, ein solches Experiment selbst erfolgreich umsetzen zu können. Sie behandelt das Thema anhand möglichst vieler Selbsterlebnisse komplex und konsequent und ergänzt ihr Erleben durch Tatsachen-Wissen, das sie in Gesprächen mit Experten erlangt. Mit der wiederkehrenden Frage: „Muss ein nachhaltiges Leben nur Verzicht bedeuten und will ich das auf Dauer?“, schafft sie einen nachvollziehbaren Zugang zu der Problematik und versteht es die Bedenken und Vorbehalte der Menschen aufzugreifen. Wie sie bei ihrem Selbstversuch vorgeht, gibt auf leichtfüßige Art eine gute Orientierung für Menschen, die sich zwar für den trendigen „Green Lifestyle“ interessieren, sich aber in der Praxis noch nicht damit beschäftigt haben. Ihre Erfahrungen sind lebensnahe Anhaltspunkte, wie man anfangen und was kann man tun, um nachhaltiger zu leben. Nicht zuletzt ihr eigener Wunsch danach, dass „alternativ“ nicht „starre und militante Umsetzung“ bedeuten sollte, dürfte Personen, die offen für andere Lebensformen sind, ansprechen. Leser, die sich jedoch schon etwas mit der Materie auskennen, erfahren hier von Aluminiumsalzen in Deodorants bis zu Antibiotika in Futtermitteln von Mastvieh nichts wirklich Neues. Ihr Selbstversuch kommt unkompliziert und kurzweilig auf etwas mehr als 200 Seiten daher, dient jedoch nicht als Fachlektüre. Das Buch ist im Jahr 2012 im Random House Verlag erschienen und kostet 14,99 EUR.

Sarah Schill’s Buch über einen amüsanten Selbstversuch, der Nachhaltigskeitsprofis jedoch nicht überraschen wird.

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