Herz an Hirn

Texte&Konzepte zu nachhaltigen Themen

Portrait des Berliner Innensenators Frank Henkel

Mauern überwinden.

Ein Portrait von Frank Henkel – CDU-Senator, Bürgermeister und Berliner

Oktober 2014. Als Berliner Senator für Inneres und Sport ist Frank Henkel für alle Belange in den Bereichen Sport, Behörden und Verwaltung und für die Sicherheit in der Hauptstadt verantwortlich. Seine größte Unsicherheit stellte sich jedoch direkt mit Amtsantritt ein und wirkt bis heute nach.

Als ehemaliger DDR-Bürger ergibt sich Henkel‘s Fokus aus der eigenen Geschichte:
Deutschlandpolitik, die Freiheit der Menschen und das Überwinden von Mauern, sind für ihn Themen von besonderem Interesse. 1963 wurde er im Berliner Osten geboren und, wie er es beschreibt „zu Zeiten des kalten
Krieges sozialisiert.“ Der katholische Kindergarten prägte ihn zwar in seinen menschlichen Werten, das Heranwachsen mit seinen Eltern war für seine Persönlichkeitsentwicklung jedoch die entscheidendere Erfahrung. Als
„sicheres Fundament“ und mit einem „Urgefühl des Vertrauens“ beschreibt er sein Zuhause als Kind. Opponiert habe er nie als Junge. „Wogegen auch?“, entgegnete ihm sein Vater einst auf diese Frage. Der Politiker schildert, dass
er bis heute ein offenes Verhältnis zu seinen Eltern habe, mit denen er immer noch über alles sprechen kann. Nicht verwunderlich also, dass mindestens der Wunsch nach Redefreiheit die Henkels darin bestärkt haben muss aus der
DDR auszureisen und den „Unrechtstaat“, wie der Innensenator ihn nennt, zu verlassen. 1981 erhielt die Familie die Genehmigung nach West-Berlin umzusiedeln. Die Polytechnische Oberschule hatte der Politiker da gerade beendet und so schloss er eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann beim Krupp Industrie-Konzern an, wo er bis 1986 weiter als Mitarbeiter beschäftigt war.

Wirtschaft und Soziales sind bis heute Themenbereiche, bei denen Henkel sich aus starkem eigenen Antrieb gern einbringt und interessiert. Entsprechend motiviert, studierte er in diesen Interessenfächern und qualifizierte sich in der Privatwirtschaft erst bis zum Diplom-Kaufmann der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und mit seinem Journalismusstudium später zum Lizenziat der Berliner Freien Universität. Bei den theoretischen Studien blieb es jedoch nicht. Er arbeitete praktisch in beiden Bereichen und sammelte so zum Beispiel als Journalist beim Rundfunksender „Hundert,6“ Erfahrung im Umgang mit Medien. Er weiß um die Wechselwirkung zwischen Reportern und Gesprächspartnern und verzichtet heute nicht darauf, unbequeme Fragen mit diesem Wissen für sich zu entscheiden oder zu umgehen. Durch seine journalistische Arbeit blieb ihm nicht verborgen, welche Bedeutung ein bestimmtes Image für einen Politiker hat und wie man dieses beeinflusst.

Parallel zu seiner beruflichen Entwicklung, engagierte er sich bei der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte und lernte durch sein Engagement Parteianhänger der Jungen Union kennen. Mit ihnen teilte Henkel Tonus sowie Grundüberzeugung und sie traten zusammen für dieselbe Sache ein: Die Teilung des Landes zu überwinden. Henkel organisierte Demos zum 17. Juni und bundesweite Sternmärsche. 1986 trat er der CDU als Mitglied bei und bekleidete verschiedene politische Ämter. Im Jahr 2001 agierte er so unter anderem als Leiter des persönlichen Büros des damaligen Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Eberhard Diepgen.

Sowohl von Oppositionellen als auch aus der eigenen Partei bekam er im Laufe der Zeit häufiger Gegenwind. Diskussionsstark, aber nicht reißerisch, hielt er sich zu inneren und äußeren Kämpfen auch in den eigenen Reihen bereit: „Ich musste mir immer wieder mal im Laufe der Jahre überlegen, wie ich meine Position mehrheitsfähig machen kann und dabei habe ich mir eben auch mal eine blutige Nase geholt.“ beschreibt Henkel selbst die vorder-gründig inhaltlichen Debatten. Als „stur“ reflektiert er sich, wenn er bei ihm wichtigen Angelegenheiten nicht mit seinen Gesprächspartnern übereinstimmt. Im selben Atemzug schätzt er auch, dass sein Team gut mit seinen Ecken und Kanten umzugehen weiß: „Meinem Büroleiter gelingt es sehr gut, mich immer wieder auf den richtigen Pfad zu bringen.“ Nicht zuletzt jedoch, dass er stur wird, wenn er von seiner Sache überzeugt ist, führte zu seinem Ruf als politischer Hardliner. Henkel sieht sich dahingehend in eine Schublade gepackt: „Ich war nie ein Hardliner, nur weil ich auf die Einhaltung von Gesetzen bestehe, aber ich bin schon jemand, dem klar ist, dass ein friedliches Zusammenleben einen gewissen Rahmen braucht und dafür zu sorgen, dass dieser eingehalten wird, dafür engagiere ich mich.“

Besonders aus der Kultur-Szene erntet er für seine gesetzestreuen Anschauungen harsche Kritik. Kürzlich erst ging ihm, angestoßen vom „Zentrum für politische Schönheit“, ein Strafantrag sowie eine Unterlassungserklärung zu, nachdem Henkel den Kunstprotest der Organisation als „verabscheungswürdig“ und einen „Diebstahl“ bezeichnet hatte. Die Organisation entwendete im Regierungsviertel kurz vor der Gedenkfeier zum 25. Jahrestag des Mauerfalls Kreuze zum Gedenken an Gefallene, um mit der Aktion das Schicksal von Flüchtlingen und das ihrer Ansicht nach unmenschliche EU-Grenzregime anzuprangern. Rufe danach, dass Henkel in seinem Amt nicht tragbar sei, wurden dann vor allem aus der linken und Künstler-Szene laut.

Bei genauerer Betrachtung seines Wirkens, erschließt sich einem, welches Image der Politiker inzwischen für sich gewählt hat. Er beschränkt sich mit dem, was er sagt auf das Wesentliche, um so weniger Angriffsfläche zu bieten. Keine Scherzchen am Rande, keine Provokationen, sondern klare, ausformulierte Worte, die seinem Büroleiter sicherlich schon vor Veröffentlichung bekannt vorkommen dürften. Dass Henkel damit medial Sympathien verschenkt, nimmt er in Kauf. Er setzt auf nachhaltige Arbeit, statt medienwirksames, flüchtiges Tamtam. „Langfristig, farblos, konservativ“, könnte man ihm als Credo andichten. Er verzichtet auf kurzfristige Hype- Effekte, die durch die Medien eben auch schnell ins Negative umschlagen können. Frank Henkel weiß, wofür er der Typ ist und spart sich daher in offiziellen Gesprächen die freche Klappe oder seichtes Geseier für mehr Beliebtheit. Nicht, dass er mit menschlichen Zügen für Berliner Verhältnisse nicht auftrumpfen könnte. Henkels näheres Umfeld sagt ihm nach, dass er sich mit Leib und Seele über Sachverhalte aufregen kann, bis er vor Unverständnis anfängt zu Berlinern und die Hände vor dem Körper zusammenballt. „Zeig‘ nach außen doch mal mehr Charisma, Mensch!“, möchten ihm PR-Berater in diesem Zusammenhang wahrscheinlich hin und wieder mal zurufen.

FB_20150426_02_55_24_Saved_Picture

Besuch im Berliner Innensenat bei Senator Frank Henkel (CDU)

Als unkonventionell, schlagfertig, meinungsstark und gelassen wollen die Berliner ihre Heimatstadt und dessen Oberhaupt sehen. Das hat Klaus Wowereit als Regierender und später Henkel‘s Koaltionspartner, gut erkannt und über Jahre für sich genutzt. Als sich die beiden Politiker 2011 zur Wahl des Bürgermeisters stellten, hatte Henkel einiges an Sympathie aufzuholen. Wowereit profitierte damals davon, dass die Berliner ihn mit seiner selbstsicheren
Art angenommen hatten und konnte sich im Wahlkampf relativ zurücklehnen. Henkel hingegen tanzte auf jeder Wahlveranstaltung und war bei jedem Interessenverband sowie etlichen Unternehmen zugegen und vermittelte
persönlich Entschlossenheit und damit auch Sicherheit. Mit den Wählern pflegte er zwar dennoch einen sachlichen Umgang, bediente sich jedoch vielmehr seiner Berliner Schnauze, ohne Texte abzulesen. Sein handfester, verbindlicher Stil, machte ihn authentisch und greifbarer für die Leute. Der Grund dafür, dass er sich nicht regelmäßig freier bewegt, sondern Reden und Interviews gerne mal wie eine Teamarbeit des Innensenator-Büros erscheinen, liegt in den Anfängen seiner jetzigen Amtszeit begründet.

Nur wenige Wochen nach Amtsantritt trieben Vorwürfe des NSU-Untersuchungsausschusses den Innensenator in die Enge. Ermittlungsmissgeschicke in Verbindung mit unzureichendem Informationsmanagement, um angebliche Fehler zu verwischen, wurden dem Innensenat vorgeworfen. Dass Henkel als frischer Amtsinhaber die Situation, die sich ihm darbot, erst zu prüfen hatte, dafür erhielt er wenig Verständnis. Die Presse baute immer mehr Druck auf. Als Flucht nach vorn, stellte sich Henkel selbst an die Spitze der Aufklärer. Er musste jedoch feststellen, dass Medien und Opposition erbarmungslos abrechnen, wenn dies eigenen Nutzen hat. Wenn Henkel in dieser Angelegenheit Stellung bezog, erntete er negatives Feedback, sofern Aussagen zu ungenau getroffen wurden. Allerdings wurden Äußerungen verlangt, die er in kurzer Zeit und bei einem komplexen Geflecht gar nicht genauestens hätte aufarbeiten können.

Inzwischen überlegt er länger bezüglich seiner Positionierung, bevor er Stellung bezieht. Nicht, weil er nicht anders könnte, sondern weil er nachhaltig erschrocken war, wie rigoros und reißerisch mit ihm damals in seinem neuen Amt umgegangen wurde. Auch, obwohl auf der Hand lag, dass die Fehler vor seiner Zeit eingetreten und ihm nicht anzulasten waren.

Politische Beobachter bescheinigen ihm jedoch, dass er etwas von seinem Job versteht. In 2014 hatte er in Berlin für den friedlichsten 1. Mai-Feiertag seit 1987 gesorgt. Auch in den Kontroversen bezüglich der Ausrichtung einer Olympiade setzt er sich als Befürworter und Sportsenator mit dem oppositionellen „Nolympia-Bündnis“ auseinander und nahm Vorbehalte und Befürchtungen ernst. Darüber hinaus brachte er als Vorsitzender der Berliner CDU in 2014 eine Dialogreihe auf den Weg, in der mit Berliner diskutiert wird, wie sie sich ihre Stadt in den nächsten 15 Jahren vorstellen. Ziel soll es sein, unter anderem aus diesen Gesprächen ein Wahlprogramm entstehen zu lassen.
Für die Zukunft ist er ambitioniert als Spitzenkandidat der CDU in Berlin den Bürgermeisterwahlkampf im Herbst 2016 erneut anzutreten und den Wählern ein Regierungs-Angebot zu machen. Mit Zurückhaltung beschreibt er auf eine Frage nach seinen konkreten Plänen: „Bisher kam das Amt immer zumManne, das kennzeichnet meinen Weg.“
So unstrategisch geht Henkel jedoch sicherlich nicht vor. Wenn er bei den Wählern punkten will, braucht er mehr Charisma und weniger konservatives Auftreten. Dass der Innensenator im täglichen Leben kaum Berühungspunkte
mit dem alternativen Lebensstil vieler Berliner hat, merkt man ihm im Gespräch an. Sicherlich muss man es ihm anrechnen, dass er authentisch bleibt und nicht sofort auf den allgegenwärtigen Greenlife-Style-Hype in der Haupt- stadt aufspringt. Dennoch müsste er näher an den Alltag der vielen Leute in Berlin ranrücken, die wertetreu, aber nicht konservativ leben, um eine Wahl zu gewinnen. Selbiges dürfte für seine Positionierung in der Berliner Wirtschaft gelten. Henkel pflegt dahingehend gute Kontakte. Mit den Vorstellungen einer wachsenden Generation von jungen, technikaffinen, gut ausgebildeten Start-Up-Unternehmern, ist er weniger vertraut. Henkel erschließen sich diese Entwicklung durchaus: „Ich gehöre einer anderen Generation an, ich freue mich aber über die Möglichkeiten der heutigen Generation. Ich denke, jeder muss seinen Weg finden und gehen.“ äußerte er dazu. Als Bürgermeister-Kandidat müsste er jedoch das Gefühl vermitteln, dass er als Regierender die Berliner ab 2016 auf ihrem Weg begleitet und sie für diesen in der richtigen Stadt wohnen.

Für sein Privatleben würde ein Umzug ins Rote Rathaus weiterhin Einschränkungen bedeuten. Henkel nennt vor allem Zeit als ein kostbares Gut, dass er durch seinen Job einbüßt. Sieben Tage die Woche ist er als Senator für Inneres und Sport unterwegs, meist von frühmorgens bis spätabends. Da war bisher kaum Platz für Privates. Bekannt ist, dass er mit der Schullehrerin und Bezirksverordnetenvorsteherin von Marzahn-Hellersdorf, Katrin Bernikas, lange liiert war, bis es zu einer Beziehungspause von mehreren Monaten kam. Das Comeback als Paar krönte dann kurze Zeit später gleich das gemeinsame Kind, Sohn Leopold, der 2012 geboren wurde. Die Kinder-garten-Eingewöhnung des kleinen Jungen führte zu harschen Vorwürfen. An einem Eingewöhnungstag, an dem der Politiker sein Kind begleitete, entschied sich Koalitionspartner Klaus Wowereit sein gewähltes Amtsende erstmalig und öffentlich auszusprechen. Henkel erfuhr davon erst in einem Telefonat einige Zeit später an diesem Tag. Das „Regieren würde er vor lauter Privatem vergessen“, kritisierten die Medien ihn. Der Innensenator verliert etwas seine Ruhe, wenn man ihn auf dieses Thema anspricht. Die Debatte über seinen Sohn hat ihn verwundert: „Wir reden sooft über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Nur weil ich im Augenblick Innensenator bin, hat das doch nichts damit zu tun, dass ich diese Vereinbarkeit nicht auch mal strapazieren muss.“, bemängelte er den seiner Meinung nach unsachgemäßen Tonus der Pressevertreter. Sein Sohn ginge ihm über alles und damit fühle er sich in dieser Stadt in guter Gesellschaft mit sehr vielen Eltern, die ihn da verstehen können.

Nun ist Henkel an der Reihe zu verstehen, welches Programm sich die Berliner ab dem Herbst 2016 von einer CDU-Regierung wünschen und dieses dann umzusetzen. Seine Behaarlichkeit dahingehend, dass Verträge und Versprechungen eingehalten werden müssen, könnte ihm in dem Fall von großem Nutzen sein.

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? 

Gern erarbeite ich auch ein individuelles Thema und Format für Sie!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s