Herz an Hirn

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Reportage – Berliner Pfandsammler und ihr Selbstverständnis anderen nachzuräumen

April 2015. Leute, die an öffentlichen Plätzen nach Pfandflaschen suchen, prägen insbesondere in Großstädten zunehmend das Stadtbild. Mittlerweile wird das Thema daher stärker in den Medien diskutiert. Diese Diskussion kommt jedoch häufig nicht ohne Stigmatisierung, zumeist im Kontext mit Armut, aus. Ist Mittellosigkeit jedoch die Triebfeder der Sammler? Höchste Zeit, sie selbst zu fragen.

Auf meinem Weg in die PR-Agentur, in der ich derzeit mein Volontariat absol­viere, begegnen mir morgens regelmäßig Menschen, die mir ihre Hilfe bei et­was lästigen Aufgaben anbieten. Ob es nun der junge, sportlich gekleidete Mann ist, der mir in der Bank die Tür aufhält, wenn ich Bargeld fürs Mittagses­sen abhebe oder der ältere Herr in gepflegter beiger Stoffjacke, Marke „Rent­ner“, der mich vorm Supermarkt abpasst, um mir beim Entsorgen meiner Pfandflasche zu helfen. Beide bieten mir ihre Dienste an, die ich als freundlich empfinde, auf die ich aber nicht angewiesen bin. Luxus-Dienste also.

Warum aber gibt es immer mehr „persönliche Dienstleister“, die mir meine Flaschen abnehmen oder mir Türen aufhalten und sich im Gegenzug über einen kleinen finanziellen Zugewinn in Almosenhöhe freuen? Meine erste Überlegung, dass es wohl arme Schlucker in sozialer Misslage sein müssen, die diese Services offerieren, scheint zu simpel. Denn sowohl das äußere Er­scheinungsbild als auch den Umgang empfinde ich bei vielen Begegnungen dieser Art als ordentlich und höflich. Ich mache mich also daran, herauszufin­den, was der soziale Hintergrund mit der Bereitschaft zu diesen Diensten zu tun hat.

Initiativen rücken das Thema in den Fokus, bekämpfen aber nur Symp­tome

Dazu spreche ich zunächst mit dem Berliner Initiator der Internet-Plattform „Pfandgeben.de“, Jonas Kakoschke. Als Projekt im Rahmen seines Kommunikationsdesign-Studiums rief er 2011 das Portal ins Leben, auf dem „Pfandge-bende“ und „Pfandsammelnde“ zusammen kommen. Nach Städten und Bezir­ken unterteilt, können sich die Suchenden dort mit ihrer Handynummer und einem Spitznamen anmelden, um von den Flaschenbesitzern bezüglich einer Abholung telefonisch kontaktiert zu werden. „Ich habe damals in einer WG gewohnt und keiner hat die Flaschen weggebracht“, berichtet Jonas, wie es zu der Idee kam. Gleichzeitig bemerkte er, dass Pfand sammelnde Leute zu­nehmend das Stadtbild prägten. Es schien ihm nur logisch, dass man die Menschen zusammenbringt. Also zog er zunächst los und befragte Sammler, die er im Park oder auf der Straße traf. „Ich musste ja wissen, ob sie ein Handy haben und war dann überrascht, dass die meisten selbstverständlich eines besitzen“, schildert er seine Recherche. Entgegen seiner Erwartung waren es zum Großteil nicht Obdach- und Mittellose, mit denen er ins Ge­spräch kam, sondern Leute, die meist neben ihrer Ausbildung, ihrem Job oder noch zusätzlich zur staatlichen Sicherung sammelten.

Als Jonas seine Plattform aufbaute, erhoffte er sich aus kommunikativer Sicht vor allem, dass Leute zusammen kommen, die sonst nicht aufeinander treffen würden und, dass sie auf Augenhöhe miteinander umgehen. „Sicherlich ist „Pfandgeben.de“ zunächst mal Symptom-Bekämpfung, weil man sich viel mehr fragen muss, warum die 2000 bei uns registrierten Sammler ihre Kasse trotz Job oder sozialer Sicherung aufbessern“, erklärt er auf die Frage, was sein Projekt im Kern bewirken soll. In der Theorie sollten bei Jonas‘ Idee beide Seite etwas davon haben und respektvoll aufeinandertreffen. Dass das zwei­felsohne auch häufig genug klappt, zeigen Kommentare von Pfandgebenden, die sich in sozialen Medien bei den Sammlern bedanken, die zuverlässig ihre Flaschen abholen. Dennoch ist dieser respektvolle Umgang nicht für jeden selbstverständlich.

So berichteten einige der 30 Sammler, mit denen ich sprach, dass sie schroff behandelt wurden, wenn sie nach dem Anruf von Pfandgebenden nicht sofort zur Stelle waren. „Man wird da schon als gebucht angesehen, denn sie schenken einem ja was und wollen natürlich auch, dass man gleich auftaucht und nicht noch Umstände macht“, erklärt mir Betty (56) aus Wilmersdorf nase­rümpfend.

Betty mag die Selbstbestimmung und verschwendet nicht gern

Verschwendung zu vermeiden ist bei Betty ein Grund fürs Pfandsammeln. Dass ihre Eltern keine Großverdiener waren, prägte früh den Umgang mit dem Wert von Dingen: „Seitdem ich klein war, war es eigentlich normal, dass ich von der Straße Sachen mitnahm, die irgendwie noch wertvoll waren. Von Alt­metall über Knöpfe und ausrangiertem Spielzeug war da alles dabei.“

„Lumpensammlerin“ haben sie die anderen Kinder damals immer gerufen. Als kleines Mädchen war das beschämend, sorgte aber für ein dickes Fell, das die gelernte Industriekauffrau bei ihrem späteren Arbeitgeber, einem öffentlichen Berliner Versorger, brauchte. 16 Jahre hat sie dort bis zum Jahr 2000 gear­beitet und war somit schon vor der Wende da, die eine Menge gesellschafts­relevanter Veränderungen für Ost- und Westberliner bedeutete. So musste auch Betty mitziehen in einem System, das nun schneller funktionieren sollte, um mit anderen Industriestädten mitzuhalten. Die alleinerziehende Mutter er­fuhr damals wenig Verständnis dafür, dass sie Job und Kinder unter einen Hut bringen musste. Gleich, ob der Kindergarten geschlossen hatte oder die Kin­der krank waren. Bis ihre beiden Jungs aus dem Gröbsten raus waren, hat Betty durchgehalten. Danach kam der Burn-Out, es folgte eine Kur. Drei Jahre fühlte sie sich von Versagens-Ängsten blockiert und fand beruflich keinen Neuanfang, bis sie begann, sich in einem Betreuungsverein um pflegebedürf­tige Menschen zu kümmern. Ihre Ängste hielten sie jedoch auch nachts auf Trab und vom Schlafen ab. Also ging sie spazieren und tat, was ihr logisch erschien: Pfandflaschen mitnehmen, wenn andere diese in die Gegend ge­schmissen hatten. „Dass Leute achtlos Sachen wegwerfen, verstehe ich ein­fach nicht. Und was man manchmal beim Sammeln findet, ist ziemlich kurios“, äußert sie kopfschüttelnd. In den Mülleimern hat Betty von toten Katzen, über Vibratoren oder KFZ-Zulassungen samt Autoschlüsseln schon alles Mögliche gefunden. „Wie sich Leute dann freuen, wenn ich mit den geklauten und weg­geworfenen Personalien nicht zur Polizei gehe, sondern sie unbürokratisch selbst vorbeibringe, kannste dir ja vorstellen.“ erklärt die Berliner Kodder-schnauze so, als sei das ein besonderer Kundenservice ihres Dienstleistungsportfolios.

Gute Vorbereitung ist alles, schützt aber nicht vor Vorurteilen

Von dem, was die Leute wegschmeißen, möchte ich mich selbst überzeugen, deshalb begleite ich Betty in einer Freitagnacht auf eine Pfandsammeltour. Wie die meisten Routen-Sammler bereite auch ich mich gut vor. Denn Routen abzulaufen, bedeutet häufig bis zu 10 Kilometer Fußmarsch am Tag. Bei den vorab erkundeten Strecken passieren die Sammler Parks, Schulgelände, Bahnhöfe und andere stark frequentierte Plätze. Für die Route mit Betty wappne auch ich mich. Mit einer Taschenlampe, Wasser zum Händespülen, Feuchttüchern, Beuteln und einem dicken Pullover, ziehen wir nachts in Wil­mersdorf los. Wo es wann etwas zu finden gibt, hat Betty mit der Zeit durch genaues Beobachten ihrer Mitmenschen und deren Gewohnheiten herausge­funden. „Wenn ich mich freitags so gegen 23 Uhr auf den Weg mache, finde ich eigentlich eine Menge. Die jungen Leute glühen auf dem Weg zum Club vor, dürfen aber ihre Flaschen nicht mit rein nehmen. Die Türsteher sind dankbar, dass dort jemand den Pfand wegräumt, es nicht müllig aussieht und sich keiner verletzen kann“, erzählt sie, während wir die städtischen Mülleimer abklappern.

Obwohl ich schon nicht meine beste Jacke zum Pfandsammeln angezogen habe, scheue ich mich beim ersten Mal ungemein davor meine Hand im oran­gen Eimer der Stadtreinigung zu versenken. Dabei finden wir an dem Abend recht harmlosen Müll wie Bananenschalen, leere Pappbecher, sogar ein anti­quiertes Buch von Honore de Balzac ist dabei. Dennoch habe ich Angst „mir etwas wegzuholen“, wenn ich im Müll meiner Zeitgenossen wühle. Betty geht damit selbstverständlicher um, auch damit, dass uns Jugendliche erst skep­tisch beäugen und sich dann herablassend abwenden. So abschätzig wahr­genommen zu werden, verletzt mich in dem Moment. „Was den Rotzlöffeln einfällt hier nachts herumzulungern und andere zu verurteilen, die ihren Müll wegräumen“, schäumt es in mir.

Ein Mädchen aus der Gruppe überrascht mich dann aber damit, dass sie uns freundlich ihre leere Bierflasche anbietet. Ob das häufiger so abläuft, frage ich Betty, die mir erzählt, dass sie von ihren Mitmenschen ganz unterschiedliche Reaktionen kennt: „Da gibt es dann Leute, die pöbeln und beleidigen. Andere freuen sich, dass ich mich um den Pfand kümmere und wieder andere schei­nen zu denken, dass ich vorm Verhungern stehe und drücken mir Geld in die Hand. Das ist mir jedoch unangenehm.“

Zusätzlich zu ihrer Rente finanziert Betty mit einem Putz-Job ihr Leben. Von dem Pfandgeld gönnt sie sich kleine Extras, wie hin und wieder ein Essen in einem Restaurant mit ihren Kindern. Als ich sie frage, ob sie weiter sammeln würde, wenn ihr Einkommen auch die Extras abdecken würde, erklärt sie mir energisch, dass das nicht ihr wichtigster Beweggrund ist. Das Sammeln gibt ihr vor allem das Gefühl selbstbestimmt Geld erarbeiten zu können. „Außer­dem löst sich mit mehr Einkommen auf meiner Seite immer noch nicht das Problem, dass die Leute bewusster mit Ressourcen umgehen müssen“, fügt sie nachdenklich hinzu. Bevor wir unsere Tour in den frühen Samstagmorgen­stunden beenden und den recht schmächtigen Pfanderlös von 1,37 Euro bei einem 24-Stunden-Supermarkt einwechseln, drückt sie mir einen Zettel in die Hand. „Für deine Recherche brauchst du doch vielleicht auch ein paar Zahlen. Schau‘ mal, hier habe ich dir meine Sammelstatistik aufgelistet. So siehst du also, dass ich im Jahr 2014 durchschnittlich 33,20 Euro Pfand im Monat ge­sammelt habe.“ Ich freue mich darüber, dass Betty umsichtig mitgedacht hat und es so genau nimmt.

„Pfandsammler sind keine armen Schlucker. Das ist ein Job.“

Genau nimmt es auch David (34) aus Friedrichshain. Zusammen mit seinem „Kollegen“ gehört er zu den „Event-Sammlern“, die keine Routen laufen, son­dern bei Veranstaltungen Flaschen einsammeln. „Das müssen wir natürlich gut planen“, erzählt David, der tagsüber Vollzeit als Gebäudereiniger arbeitet. „Vorher ist es wichtig zu wissen, wie viel die Leute trinken und welche Fla­schensorten die Konzertbesucher dort hinterlassen werden“, erklärt er fach­männisch. Aus Erfahrung weiß er, dass vor Techno- und Hip Hop-Konzerten viel getrunken wird und zwar selbst Gemixtes aus Plastikflaschen mit 25 Cent Pfand. „Bei seichteren Konzerten, wie zum Beispiel bei Shakira, trinken die Leute nicht so viel“, erläutert er augenzwinkernd. Auch David bringt das Pfandsammeln für sich in den Kontext der Selbstbestimmung, die ihn mutiger gemacht hat. Bevor er damit anfing, verlor er als Betroffener des sogenannten „Späti-Arbeitskampfes“ ziemlich das Vertrauen in faire Beschäftigungsverhält­nisse. Er bezog damals Arbeitslosengeld II und wollte sich mit einem Neben­job etwas dazu verdienen. Da Spätshops in den Berliner Kiezen jedoch in den vergangenen Jahren wie Pilze aus dem Boden schossen, verschärfte sich die Konkurrenzsituation, was zum Teil eine extreme Ausbeutung der Verkaufs­kräfte bedeutete. Wenn er mit seinem Chef darüber sprach, drohte der ihm mit Entlassung. Um die Kasse dennoch aufzubessern, schloss sich David damals einem Bekannten auf dessen Tour an. „Da kamen dann im Schnitt so circa 25 Euro für jeden pro Abend rum, wenn wir das Zeug im Rollwägelchen weg­schleppten, weil die Leute zu faul waren ihren Pfand selbst zurückzubringen“, berichtet er stolz. Das Sammeln hat ihn darin bestärkt, sich für den Arbeits­kampf Beratung zu suchen und sich einer Gewerkschaft anzuschließen.

„Mir war dann klar, dass ich mit meiner eigenen Arbeit Geld verdiene und dann wollte ich mich nicht mehr rumschubsen lassen“, erinnert er sich.

Dass Pfandsammler in der Öffentlichkeit häufig als „arme Schlucker“ darge­stellt werden, nervt ihn. Heute noch ärgert ihn die Plakatkampagne „der Lin­ken“ aus dem Jahr 2013. „Statt Flaschensammeln: 1050 Euro Mindestrente.“ war ein Slogan der Partei, den er als gedankenlos bezeichnet. „Man darf mal nicht vergessen, dass das viele als normalen Job sehen. Etwas, womit man den Tag strukturiert“, schätzt er das Selbstverständnis für diese Tätigkeit ein.

Bereitschaft zu Dienstbotenarbeiten ist inzwischen selbstverständlich

Mit dieser Haltung steht David nicht alleine da. Auch andere Sammler be­trachten die Suche nach Pfandflaschen als normale Arbeit, die sie mit Men­schen in Kontakt bringt und für die sie das Haus verlassen, um den Tag mit Beschäftigung zu füllen. Der Soziologe Sebastian J. Moser untersuchte im Rahmen seiner Dissertation „Pfandsammler: Erkundung einer urbanen Sozial­figur“ auch die arbeitsgesellschaftlichen Strukturen, die dieser Einstellung zu­grunde liegen.

So stellte er fest, dass Pfand zu sammeln in einer Reihe einzuordnen ist mit weiteren Aushilfstätigkeiten, die Menschen für andere Privatpersonen inzwi­schen übernehmen.

Ersetzbar zu sein bedeutet flexibler werden zu müssen

Viele der befragten Sammler gehörten mit der Wahl ihrer Berufsausbildung, zumeist im Handel oder Handwerk, schon vorher nicht unbedingt zu den Großverdienern. Ihre Situation verschlechterte sich jedoch noch, wenn sie in ihrer Anstellung für längere Zeit ausfielen, weil sie Kinder bekamen oder krank waren. Die bittere Erfahrung, dass sie schnellstens ersetzt wurden, machten viele in diesen Situationen. Mit diesem Riss im Lebenslauf ging es für die we­nigsten einfach so zurück in den alten Beruf. Der Großteil musste früher oder später auf eine andere, leicht ausführbare Tätigkeit ausweichen, um wieder Fuß zu fassen. Als Putzhilfe, Essenslieferant oder Möbelpacker fanden sie schnell Beschäftigung und waren gefragt. Dass sie mit diesen Arbeiten nun einem vergleichsweise privilegierten Teil der Bevölkerung das Leben erleich­tern und Freiraum verschaffen, den sonst jeder selbst fürs Kochen, Putzen oder eben auch Pfandschleppen aufbringen müsste, ergibt sich von selbst.

Höher, schneller, weiter – Die Wirtschaft streut die Saat für diese Entwicklungen

Das Phänomen der Pfandsammler kommt nicht von ungefähr, sondern steht, bedingt durch die Einführung des Pfandgesetzes aus Umweltschutzgründen im Jahr 2003, in direktem Zusammenhang mit einer speziell an Industriestan­dorten stark ausgeprägten Entwicklung.

Indem Unternehmen ihre Produktion zunehmend automatisieren und Personal einsparen wo es nur geht, beflügeln sie diese arbeitsgesellschaftlichen Verän­derungen. Die festen, besser bezahlten Jobs bleiben am Ende überwiegend denen, deren kreative Arbeit keine Maschine machen kann und deren Privat­leben nicht dazwischen funkt. Bereits in den 1980er Jahren prognostizierte der Publizist und Sozialphilosoph André Gorz, dass diese Entwicklungen die Ar­beitsgesellschaft in zwei Gruppen spalten werden: Diejenigen, die mehr und länger arbeiten und andere, die aufgrund ihrer Ersetzbarkeit Schwierigkeiten haben, sich in der Arbeitswelt zu halten.

Da es sich keine Wirtschaft leisten kann, ersetzte Mitarbeiter auf Dauer unbe­schäftigt zu lassen, entstanden in den vergangenen Jahren vor allem Arbeits­plätze in Bereichen, die vorher nicht als Wirtschaftszweig galten. Dabei han­delt es sich um Jobs, die sonst familiär abgedeckt würden. Das Abendessen auf den Tisch zu bringen oder den Haushalt zu schmeißen, sind einfache Tä­tigkeiten, denen beruflich besser Gestellte aus Zeitmangel häufig nicht hinrei­chend nachkommen können. Sie bleiben nun denen, die leicht zu ersetzen waren. Diese Entwicklung bildet die Grundlage dafür, dass sich das Selbst­verständnis für Botendienste immer weiter ausdehnt, bis zu dem Punkt, an dem man anderer Leute Pfandflaschen abholt, um sich etwas dazu zu verdie­nen. Deutsche Behörden erkennen das Pfandsammeln im Übrigen indirekt bereits als wirtschaftliche Arbeit an. So bedeutet ein angegebenes Pfandein­kommen, das über 30 Euro pro Monat liegt, Abzüge bei den Sozialleistungen, wenngleich die Ämter dies nicht tatsächlich überprüfen können.

Arbeit fairteilen

Um der Spaltung der Gesellschaft etwas entgegenzusetzen, könnten kreativ tätige Mitarbeiter wieder vermehrt privaten Aufgaben nachgehen. Das hätte zur Folge, dass dasselbe wirtschaftliche Pensum von mehreren erledigt wer­den müsste. Aus ökonomischer Sicht bestünde dann also ein Bedarf, einen größeren Teil der Bevölkerung für eine produktive Arbeit zu qualifizieren und einzusetzen, beschreibt André Gorz in seiner Analyse „Kritik an der ökonomi­schen Vernunft“. Da Themen wie „Work-Life-Balance“ für Mitarbeiter und da­mit auch für Unternehmen an Bedeutung zunehmen, besteht zukünftig zumin­dest das Potenzial für flächendeckende Veränderungen in der Arbeitsgesell­schaft.

Vorerst werden jedoch nur die Symptome gemildert, indem finanziell schlechter Gestellte von Initiativen unterstützt werden. Organisationen wie „Pfandge­ben.de“ oder „Pfand gehört daneben“ rücken das Thema stärker in den ge­sellschaftlichen Fokus und setzen sich für menschenwürdigere und sicherere Bedingungen für die Pfandsammler ein.

Gefahren für die Sammler verringern

Dafür spricht sich auch Sabine Thümler, die Pressesprecherin der Berliner Stadtreinigung (BSR), aus. Die BSR beauftragte aufgrund der thematischen Nähe ihre Produkt-Designerin damit, Lösungen zu entwerfen, die es den Sammlern ersparen soll auf offener Straße in den Müll zu greifen und sich eventuell sogar zu verletzen. „Sammeln ist teilweise gefährlich, immerhin be­finden sich auch Spritzen oder benutzte Hygieneartikel in den Mülleimern“, erzählt Thümler, deren Arbeitgeber die eigens entwickelten Pilotlösungen mit der Berliner trias GmbH, einer Gesellschaft für gemeinnützige Arbeit, auf An­wendbarkeit testet. „Zunächst hatten wir Pfandkörbe aufgestellt, die die Pas­santen jedoch dazu verleiteten, dort auch noch ihren Müll reinzuwerfen. Das hatte natürlich keinen Effekt“, schildert sie ihre Erfahrungen. Die Testphase für die neuen Entwicklungen soll bis Herbst 2015 abgeschlossen sein. „Wenn die Pfandlösungen funktionieren, muss geklärt werden, wer die Kosten dafür trägt, dass sie großflächig angebracht werden. Die BSR wird dies nicht tun. Dafür können die Entsorgungsentgelte der Bürger nicht eingesetzt werden“, versi­chert Thümler und verweist zudem darauf, dass die Politik sich dafür einset­zen muss diesen Entwicklungen im Kern entgegenzuwirken.

Die Politik unterstützt Initiativen, hat aber keine eigenen Erkenntnisse

Das Thema ist in Berlin bereits auf politischer Ebene angekommen. Als Be­zirksstadtrat für Soziales und Gesundheit unterstützte Carsten Engelmann (CDU) das von der BSR und der trias GmbH geplante Vorhaben Test-Pfand­körbe in Charlottenburg-Wilmersdorf zu installieren. Zur öffentlichen Einwei­hung war er selbst zugegen, um mit Medienvertretern zu sprechen. Aus Ka­pazitäts- und Budgetgründen, ermittelt seine Behörde keine Daten zu den Sammlern oder der Nutzung von Hilfs-Installationen. Sie muss sich daher da­rauf verlassen, was kooperierende soziale Einrichtungen an Feedback geben. „Wir wissen, dass 90% der Sammler aus der Wohnungslosigkeit kommen, auch wenn immer mehr von ihnen augenscheinlich nicht danach aussehen, aber diesbezüglich vermuten wir nur“, erklärt Engelmann leidenschaftslos. Die restlichen 10% verortet er in der Langzeitarbeitslosigkeit.

Die 30 befragten Sammler können diesen Eindruck, den die Behörde des CDU-Politikers von Organisationen wie „Leib und Brot“ gespiegelt bekommt, nicht bestätigen. Nach eigenen Angaben ist keiner von ihnen wohnungslos oder spricht mit sozialen Einrichtungen.

Mehr Arbeit für mehr Geld – Klingt logisch, ist aber nicht immer machbar

Zu erörtern, wie die Politik die Leute unterstützen kann, die derzeit ihre Finan­zen durchs Pfandsammeln aufbessern, würde den Rahmen unseres Gesprä­ches sprengen, erklärt mir der Bezirksstadtrat einschränkend: „Die Leben der Menschen sind einfach zu unterschiedlich.“ Bei der Frage, wen konkret denn jemand ansprechen könnte, der seine Situation verbessern und aufs Sammeln verzichten möchte, verweist Engelmann auf das Sozialgesetzbuch: „Sofern die Menschen auf dem ersten oder zweiten Arbeitsmarkt vermittlungsfähig sind, sollten sie mit ihrem Vermittler sprechen, ob sie eine besser bezahlte oder zusätzliche Arbeitsmaßnahme bekommen können.“ Seine Empfehlung, dass jeder mehr verdienen kann, der mehr arbeitet, ist jedoch sicherlich nicht für alle einfach so umsetzbar.

„Mehr als arbeiten kann ich nicht.“

Ich erzähle Betty von dem Gespräch mit dem Bezirksstadtrat. Sie knurrt in den Hörer. Als ich ihr von seinem konkreten Vorschlag berichte, lacht sie auf, ver­schluckt sich und hustet amüsiert „Joa, dann nehme ich doch gleich seinen Job“ in die Sprechmuschel. „Anscheinend kenne ich mich besser auf seinem Gebiet aus“, fügt sie ironisch hinzu und schildert aus ihrer Erfahrung, dass sich die Stellenausschreibungen für die gut bezahlten Jobs nicht gerade auf den Schreibtischen der Jobcenter stapeln würden. „Außerdem, wenn ich schon einen Job habe, wie soll ich dann zeitgleich einem weiteren Arbeitgeber zur Verfügung stehen? Schlafen darf ich schon noch irgendwann, oder“, fragt sie irritiert zurück.

Ihre Sicht der Dinge erinnert mich an meinen ersten Kontakt mit Sammler Da­vid. „Wir können gerne nach 18 Uhr sprechen. Da habe ich immer Feier­abend“, bat er mich zu berücksichtigen. Ich würde zögern ihm Carsten Engel­manns Vorschlag zu unterbreiten.

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