Herz an Hirn

Texte&Konzepte zu nachhaltigen Themen

Bericht – Tapfere Schneiderlein

„Ich mache das nicht fürs Geld, aber gebrauchen könnte ich es dennoch.“

Dass Schneiderlein besonders tapfer sind, ergibt sich wahrscheinlich aus dem Blick in den eigenen Geldbeutel. Ihre Arbeit erfordert Kreativität, ein Gespür für die (Körper-)Haltung ihrer Kunden, handwerkliches sowie unternehmerisches Geschick und vor allem Zeit. Warum man sich trotz der Arbeit im Luxus-Segment mit großen Wünschen zurückhält und die Größten dann doch schon erfüllt sind, erzählen zwei Berliner Design-Handwerker.

Im Wohnviertel der Schöneberger „Roten Insel“ befindet sich im gepflegten Altbau der ebenenerdige Eckladen von „Krill“. Meike Hampe, eine natur-schöne Blondine, Anfang 30, mit herzlichen Lachfalten im Gesicht, verbirgt sich hinter dem Label für Damenbekleidung. Unverschnörkelt, zurückhaltend und unkompliziert wirkt sie und hat dabei dennoch etwas Eigenwilliges. Das ist genau jene Note, die sie auch ihren Kreationen verleiht. Sie mag die Frage nach ihrem Stil nicht sonderlich. Genau das schätzt sie ja so an ihrem Beruf: Die Freiheit zu entscheiden was sie tut und was sie lässt und sich heute nicht auf die nächsten drei Shirt-Designs festlegen zu müssen. Dass sie mit Fehlern beim Ausprobieren Neues erschafft, auf das sie es gar nicht abgesehen hatte. In ihrem Fach muss sie sich zurücknehmen können: „Ich kann Menschen viel beobachten und es ist spannend zu sehen, wie sie sich selber sehen.“ Das muss Meike zusammenbringen, mit dem was sie sieht. Mit dem wie sich ein Mensch bewegt und mit den Materialien und Werkzeugen, mit denen sie die Anforderungen umsetzt. Ihre einfachen, eleganten Entwürfe, die sie mit wirkungsvollen Details versieht, fertigt sie aus hochwertigen Bio-Stoffen. Den hohen Qualitätsanspruch teilen ihre Kunden und zahlen so eben auch um die 60 Euro für ein T-Shirt und schon mal 500 Euro für ein Kleid. Zwischen 40 und 50 Stunden arbeitet die Mode-Designerin in der Woche und schafft dabei an einem Tag schon mal einen Prototypen ihrer Modelle. An aufwendigen Stücken sitzt sie mehrere Wochen, immer mal zwischendrin, nach dem Feierabend. „Manche fragen mich dann auch: „Wie setzt sich denn der Preis zusammen?“ und wollen auf die Arbeitsstunden hinaus. Darauf habe ich gar keine Antwort, weil ich keine Liste führe.“ Einige unbezahlte Stunden, die auf dieser auftauchen würden, hätte sie sonst wohl klarer vor Augen.

Der Herrenschneider Alexander Amann tritt weniger zurückhaltend auf, obwohl auch er es versteht sich in die Eitelkeiten seiner Kunden einzufühlen. Er ist ein Mann und macht Produkte für Männer. Der Rheinländer, Mitte 30, drückt sich klar aus und unterstreicht seine handfesten Aussagen immer mal wieder mit einem „also, das kann ich dir sagen.“ In seinem Kreuzberger Männerladen gibt es „Wasser, Espresso, Scotch und eben Anzüge“. Sein Geschäft ist genauso auf seine Funktionilität reduziert wie seine Meisterstücke. Das macht die Ästhetik von beidem aus. Als „kantig und nicht hochpoliert“, bezeichnet er seinen Stil, der sich so auch in seinen Räumlichkeiten wieder finden lässt. Über den massiven Regalbrettern aus dunklem Holz bröckelt der Putz von der Decke und nebendran entstehen in 80 Stunden Handarbeit Maßanzüge von 4000 Euro geldmäßigem Wert. Obwohl er sich dahin entwickelt hat, dass inzwischen auch Musiker, Fußballprofis und Geschäftsmänner zu ihm kommen, fühlt er sich manchmal wie vor 5 Jahren, in seiner Anfangszeit in Berlin. Damals hat er sich keine eigene Wohnung leisten können und schlief auf WG-Sofas. „Ich weiß schon, wie das ist, wenn man mit dem Vermieter verhandeln muss wegen einem kleinen Aufschub.“ Ebenso wie Meike fertigt er Qualitätsprodukte, die Zeit brauchen. Zeit, die dann dazu fehlt anderweitig schnöden Mammon zu generieren, sich um mehr Kunden zu kümmern, den Gehilfen mehr beizubringen, sich selbst ein Wochenende zu organisieren. In diesem Beruf arbeitet man viel, um sich zu entwickeln und Fähigkeiten zu perfektionieren. Dies geht schwerlich konform mit einer Arbeitswelt, in der man jedoch weniger für die persönliche Entfaltung als für die effiziente Performance bezahlt wird. Alexander Amann verkalkuliert sich nicht bei seinen monatlichen Ausgaben. Vielmehr sollte jedem Auszubildenden oder Gesellen von vornherein bewusst sein, dass die Bezahlung im Schneiderhandwerk nicht gerade rosig ist.

Die Beschäftigung im Maßschneiderhandwerk ist in den vergangenen Jahren so stark zurückgegangen, dass für Damenschneider lediglich noch in Bayern eine Tarifvereinbarung besteht. Zwischen 6,58 bis 8,87 Euro beträgt der tariflich festgelegte Zeitlohn. Das ergibt monatlich maximal 1464 Euro brutto.

Da die Herrenschneiderschmiede traditionell besser organisiert ist und die Stücke aufwendiger verarbeitet werden müssen, liegt der Bruttolohn mit ca. 1750 Euro in Westdeutschland etwas höher.

Laut Peter Donath, Experte für textile Tarifpolitik bei der IG Metall, verdient aber auch ein Schneider in der Bekleidungsindustrie nur 10,20 Euro pro Stunde. „Damit liegen die Löhne in der Bekleidungsindustrie auf den hintersten Rängen unter den Industrielöhnen in Deutschland“, so Donath.

Trotz der niedrigen Löhne im Schneiderhandwerk decken viele Betriebe ihren Bedarf an Arbeitskräften lieber mit Lehrlingen. Kleine Schneidereien können es sich oft nicht mehr leisten, Gesellen zu haben.

Dennoch spricht Amann von „Frieden“, wenn man ihn fragt, was er an seinem Job als Belohnung empfindet. Er meint damit, dass es ihn zufriedenstellt, wenn er die Bedürfnisse des Kunden erkannt und einen Anzug „gebaut“ hat, der diesem nicht nur perfekt passt, sondern auch nur an ihm funktioniert.

Jammern liegt beiden Designern, auch auf Aufforderung, fern. Meike nimmt für ihre Freiheit in Kauf, dass sie jobben geht, wenn es finanziell mal eng wird und Alexander sehnt sich halt nach freien Tagen. Und auch, wenn sie einem Alltag mit „viel Arbeit und wenig Geld“ durch einen Wechsel in die Industrie entgegen wirken würden, vorstellen kann sich diesen Schritt keiner von beiden.

Für die Zukunft wünschen sie sich Ähnliches. Ihr Name soll sich weiter etablieren und die Assoziation von Stil und Qualität prägen. „Dass Iggy Pop einen Bewerbungsbrief schreibt, dass er jetzt bitte endlich mal einen Anzug von mir haben darf“, äußert Amann augenzwinkernd als Wunsch. Für diese Zusammenarbeit müsste er dann wahrscheinlich ein weiteres Mal ziemlich tapfer sein.

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